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Das große Sprechfunk-Lesebuch

Rezensent: Rainer Mende (phi97dgt@studserv.uni-leipzig.de) Leipzig
Jürgen Kuttner sitzt Woche für Woche nachts in Potsdam für das Jugendradio "Fritz" vor dem Mikrofon und quatscht. Quatscht mit den Anrufern, die zum möglicherweise vorhandenen Thema was zu sagen haben - oder auch nicht. Oder holt sich Gäste ins Studio, um mit ihnen - richtig, zu quatschen.

Und ein nicht zu verachtender Teil des dabei entstandenen Quatsches ist so gut, dass es sich lohnt, ihn in diesem Buch zu dokumentieren und so das über den Äther Verflogene für die Nachwelt zu bewahren. Oder für die, welche außerhalb der "Fritz"-Reichweite bisher ohne Kuttner auskommen mussten.

Dem Leser wird dieses Buch eine unersetzliche Hilfe in allen Lebenslagen sein, denn fortan wird er wissen, wie man Elche fängt, was Eistees mit Zypressenhügeln zu tun haben und vieles mehr. Dass darunter hin und wieder das Zwerchfell leidet, sollte in Kauf genommen werden.

Dieses Buch ist komisch, manchmal tiefsinnig, im Grundton aber immer heiter und auf keinen Fall verletzend. Kuttner findet hervorragend den schmalen Grat zwischen niveaulosem Gesabbel und provozierendem Talk-Radio und hat dazu auch noch einige phantastische und völlig unpassende Bilder aus der Klamottenkiste gegraben. Und wenn schon Harald Schmidt ein Vorwort schreibt, kann ja nun wirklich nichts mehr schief gehen.

 

 

 


Datum:   13.09.1995
Ressort:   Kultur
Autor:   Claudia Pietsch,ddp/ADN

Kann man Ehefrauen vertrauen?

Hörer-Plaudereien mit ORB-Kultmoderator Jürgen Kuttner erscheinen jetzt als Buch

Die eigenen wegweisenden Äußerungen in einem Buch gedruckt zu sehen - davon träumen viele. Auf 313 Seiten dokumentiert das jetzt erscheinende "Große Sprechfunk-Lesebuch" (24,80 Mark) aus dem Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf Ausschnitte aus Kuttners spätabendlichen Plaudereien mit Hörern des "Sprechfunks" vom ORB-Jugendsender "Fritz".

"Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um eine Sammlung handverlesener Höhepunkte aus dem bisherigen radiophonen Schaffen von Dr. Jürgen Sven Bernd Rolf Ernst Maxim Kuttner " - so kündigt Herausgeber Jörg Köhler an. Auf die Nennung der Namen von Anrufern wurde verzichtet. Eine, die aus nicht näher erläuterten Gründen doch aus der Anonymität gerissen wurde, ist Bärbel. Kuttners Gespräch mit ihr wird unter der Überschrift Liebesgeschichten gedruckt. Von Bärbel erfährt der geneigte Leser beispielsweise, daß Kuttner "kleines Herz" die ganze Zeit "gepuckert" hat. Ansonsten werden Fragen beantwortet wie: "Kann man Ehefrauen vertrauen?", "Lächeln Wasserwerfer-Fahrer vertrauensvoll?" oder "Kann Margarine-Essen in der Familie liegen?" Kuttner selbst bezeichnet das Buch als hohe Literatur, "aber eher in einer Karl-Moik-Variante, quasi volkstümlich verkleidet".


Datum:   02.10.1995
Ressort:   Kultur
Autor:   -

Stadtgeflüster

Ein Verlagsfest verläuft nach festen Ritualen: Literaturschaffende und Literaturkundler trinken Rotwein oder Bier, qualmen wie wahnsinnig, lästern über Dichter XY (der dem Alkohol nun doch gänzlich verfallen sei, na, ja - seine Bücher haben sich ja noch nie so richtig verkauft ) und schimpfen über die schlechte Luft. Bis hierher trifft alles auch auf das Fest von Schwarzkopf & Schwarzkopf zu. Nun die Besonderheiten der Feierlichkeit dieses jungen Verlages von Prenzlauer Berg: Ein junger Mensch in der finsteren Hofeinfahrt, der mal nicht Geld oder Leben wollten, sondern den Wegweiser spielte, viele schwarze Lederjacken im Publikum, und mittendrin ein Typ, der ORB-Sprechfunker Jürgen Kuttner verdammt ähnlich sehen würde, wenn da nicht ein Großteil von Kultkuttners Haupthaar gefehlt hätte. Aber er war es trotzdem. Und er kam als Autor, denn gerade wurde von Verleger Oliver Schwarzkopf "Das große Sprechfunk-Lesebuch" herausgegeben. Andere Autoren ergehen sich häufig und gern in Verlegerbeschimpfung, weil so ein Verleger im allgemeinen geizig, gierig und ohne jeden Hauch von Ahnung ist, was er da gerade für ein geniales Manuskript in Händen hält. Kuttner weigert sich, seinen Verleger zu beschimpfen: "Ich weiß nicht, ob irgendein anderer Autor mit so wenig Arbeit Autor wurde. Plötzlich waren die Belegexemplare da." Und ein Erfolgserlebnis: "Meine Tochter hat bei der Lektüre mehrmals gelacht. Das ist doch was!"

Einige Bilder, das Inhaltsverzeichnis und das Nachwort aus "Das große Sprechfunk-Lesebuch"
(für größere Bilder einfach anklicken):

 

Expertengespräche. Das zweite Sprechfunk-Lesebuch.

Rezensent: Rainer Mende (phi97dgt@studserv.uni-leipzig.de) Leipzig
Nach dem großen Erfolg des ersten "Sprechfunk"-Lesebuchs erschien es geradezu notwendig, auch weiterhin die wertvollen Errungenschaften und Erkenntnisse der Kuttner-Sendung festzuhalten und dem gesamtdeutschen Leserkreis zugänglich zu machen. Nur kommen diesmal nicht die Hörer zu Wort, sondern die immer wieder sporadisch stattfindenden "Experten-"gespräche zwischen Moderator Jürgen Kuttner und seinem Stammgast Stefan Schwarz werden hier schön thematisch sortiert präsentiert.

Das Themenspektrum ist weitläufig und die Konzeption fast immer gleich aufgebaut: die beiden suchen sich ein Thema, von dem sie offensichtlich beide keine Ahnung haben, und versuchen dieses von allen möglichen (also historischen, wissenschaftlichen und willkürlichen) Seiten zu beleuchten. So kann das Kind ebenso Gegenstand sein wie das Fußballspiel oder das Wörtchen "zu".

Interessant daran ist unter anderem, wie es die beiden immer wieder schaffen, wirklich jeden Gegenstand irgendwie auf Vorgänge im mittelalterlichen Avignon zurückzuführen. Und wie sie ständig Wischfehler in Urkunden in die Erläuterungen einzubauen, ist atemberaubend und urkomisch. Wer wissen will, wie die Erfindung des Kindes durch die Avignoner Brummkreiselschwemme notwendig wurde, was Fußball mit mittelterlichen Dreckwäsche-Pestballen zu tun hat und wie Flugzeugträger in Hosenträger umfunktioniert werden, sollte unbedingt einen Blick in dieses populärwissenschaftliche Standardwerk werfen.

Dabei sind die festgehaltenen Schwachsinnigkeiten keineswegs nur flache Witze, so manche Komik ergibt sich erst durch die Form und den Verlauf des Gesprächs. Leider geht hier durch die Niederschrift viel vom eigentlichen Gespräch verloren (Betonung, Stammeln, Durcheinanderreden), doch auch das, was übrig bleibt, reicht völlig, um einem viele Lachsalven zu bescheren. Und der geneigte Leser kann endlich auch bei Dingen mitreden, von denen er nie Ahnung hatte. Zum Beispiel bei der Erörterung des Alltagslebens im mittelalterlichen Avignon.


Datum:   03.04.1996
Ressort:   Lokales
Autor:   Andreas Kurtz

Der Autoren-Schelte folgt eine Verleger-Beschimpfung Kuttner hätte lieber einen dicken Wälzer herausgebracht

Verleger rauchen dicke Zigarren. Verleger lassen ihre Autoren darben und kaufen sich im Zweifelsfalle lieber einen neuen Sportwagen, als daß sie dem Schreibknecht Dreimarkfuffzich für ein Mischbrot außer der Reihe zugestehen.

So behaupten es jedenfalls viele Autoren. Und die Verleger rächen sich: Autoren sind unzuverlässig, denken völlig losgelöst von allen Realitäten nicht an den Leser und hätten immer nur die schleichende Enteignung des Verlegers auf dem Wege von überzogenen Honorarforderungen im Sinn. Ohne Autoren könnte das Leben eines Verlegers so schön sein! - Sie ahnen es wohl schon: Keine der beiden Seiten spricht die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Nehmen wir mal als Beispiel den Verleger Oliver Schwarzkopf, der nach dem erfreulich erfolgreichen "Sprechfunk-Lesebuch" natürlich sofort ein neues Stück Literatur vom Kultfunker Jürgen Kuttner auf die Buchladentische werfen wollte. Das führte zum zweiten Sprechfunk-Lesebuch "Experten-Gespräche" (Schwarzkopf & Schwarzkopf, DM 24,80), in dem die Kuttner-Dialoge mit dem "Universal-Experten" Stefan Schwarz dokumentiert sind. Am Rande der ausgesprochen gut besuchten (und von der Buchhandlung Starik veranstalteten) Lesung am Montag abend in der Kulturbrauerei lästerten Verleger und Autoren - innig einander zugeneigt - übereinander. Schwarzkopf: "Die beiden Autoren nervten mit der Forderung nach einem dicken Wälzer, waren aber zu faul, mehr Manuskript zu liefern. Und das, was sie lieferten, lieferten sie auch noch unpünktlich." Kuttnerfackelt nicht lange und schlägt zurück: "Der könnte doch dickeres Papier nehmen, der Idiot. Dann würde das Buch doch gleich viel repräsentativer aussehen!" - Und dann hakten sich die drei unter und stellten sich lächelnd zum Gruppenfoto.


Datum:   30.03.1996
Ressort:   Kultur
Autor:   Lutz Rathenow

Ideologiefreies Spiel

Ein neues Buch von Jürgen Kuttner und Stefan Schwarz

Ein Buchhändler in Zentralostberlin erzählte: Damen (mehr) und Herren im Rentenalter brächten öfter ein Buch zurück. Trotz wenigen Geldes legten sie sich die wichtige politische Literatur der DDR zu, so sei ihnen dieser Kuttner empfohlen worden. Aber den verstünden sie nicht. Und sie erbaten herzlich einen Umtausch in Gysi, Grass, Reinhold Andert oder Markus Wolf, Gorbatschow oder Hermann Kant, Daniela Dahn oder doch in etwas Heiteres aus dem Eulenspiegel Verlag. Was eben an Stabilisatoren für angekränkeltes DDR-Selbstbewußtsein auf dem Markt ist.

Unerträglich bis amüsant

Jürgen Kuttner, als Moderator in Funk und Fernsehen für seinen Nachwendequasselbarock berühmt bis berüchtigt, bietet von simpler Blödelei bis zum höheren Blödsinn dagegen einiges für Leute, die aus Büchern nichts lernen wollen. Es wird losgeschwatzt in seinen Sendungen, und nun zum zweiten Mal gedruckt: Die "Expertengespräche" mit Stefan Schwarz liegen vor. Angereichert um zahlreiche Anmerkungen und putzige kleine Fotos plus Zeichnungen.

Man zappt sich durch das Buch, kann an jeder Stelle mit dem Lesen beginnen und beliebig aufhören. Das geht noch lockerer als im Internet. Oder der Blätterer konzentriert sich gleich auf die Fußnoten: "Es macht einen gut Teil der Popularität Lenins bei der Landbevölkerung aus, daß er über hinreichend innere Würde verfügte, um bei längeren Auftritten und Reden in der russischen Winterskälte gemächlich den Schnodder aus der Nase laufen zu lassen, der an den Mundwinkeln zwei riesige Eiszapfen bildete. Die abergläubischen Bauern hielten darum Lenin für ein Fabelwesen oder einen Vampir. Leider wurden derlei Fotos später unter Stalin retuschiert. Vgl. The Beatles ,I am the walrus`." (Durch die bildnerischen Beigaben fällt sogar für Analphabeten etwas ab.)

Wie Helge Schneider und andere Komiker vermeidet Kuttnerdie traditionelle Machart der satirischen Zuspitzung. In einer Zeit, in der die Realität unaufhörlich absurde Konsequenzen autoritärer Verhaltensweisen produziert und vorführt. Kuttnerund sein Partner Stefan Schwarz praktizieren das ideologiefreie Spiel mit Zitaten und Erfindungen: Geschichte als Puzzle, man setzt sich sein Weltbild zusammen. Eine Brummkreiselschwemme in Avignon 1251 oder 1252 lieferte den Anlaß, die (Er-)Zeugung kleinerer Menschen zu betreiben, die sich mit den Kreiseln beschäftigen würden. So entstanden Kinder. Und der Erfinder der Imbißbude wollte zunächst keine Speisen anbieten, "sondern einfach nur einen Ort schaffen , an dem es heiß und fettig zugeht."

Unglaubhafte Ausreden

Stefan Schwarz, der den Allroundexperten mimt, hat die originelleren Ideen. Kuttnerkalauert oft fad dazwischen, läuft aber zu brillanter Form auf, wenn er seine Ablenkungsstrategien zur Erkenntnisverweigerung entfaltet. Ein Meister in Ausweichbewegungen und unglaubhaften Ausreden. Im richtigen Leben war er einmal noch besser, als er öffentlich vorsichtshalber mal glaubte, Stasimitarbeiter gewesen zu sein. Und dann doch keiner war, weil es keine Akten gab.

Diese geistige Laxheit langweilt und ärgert dann doch - im Leben wie im Text. Der permanente Verunsicherungswille erzeugt und bestätigt das Selbstbewußtsein eingeweihter Kreise. Im Falle dieses Buches oft plakativ mit der DDR-Geschichte verknüpft. Das Gespräch über die angewandte Thälmann-Forschung und die "Arbeitsgruppe für Para-Thälmännische Phänomene" wäre in den 80er Jahren ein subversiver Text gewesen. Heute hat er etwas von nachholendem (versäumtem) Ungehorsam. Im übrigen kann es zunehmend anstrengend werden, immer alle Botschaften vermeiden zu wollen.

Jürgen Kuttner/Stefan Schwarz: Expertengespräche. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1996, 286 Seiten, 24,80 Mark.

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