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Interviews mit Kuttner
„Guck an, das kann ja toll werden" - Wie der Radiomacher Jürgen Kuttner seine Studienzeit heute sieht
Datum:   13.09.1995
Ressort:   Kultur
Autor:   dda/ff
Kuttner kommt zurück
Keine Stasi-Belastung nachweisbar / ORB-Intendant freut sich

Eine Stasi-Belastung des Rundfunk-Moderators Jürgen Kuttner hat sich nach den Akten der Gauck-Behörde nicht nachweisen lassen.
Wie der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) am Donnerstag mitteilte, wird Kuttner deshalb uneingeschränkt seine Moderatorentätigkeit wieder aufnehmen."Ich freue mich darauf, Sie bald wieder zu hören und zu sehen", schrieb ihm ORB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer.
Der beliebte Moderator hatte im Januar der Geschäftsleitung des ORB erklärt, zwischen 1977 und 1983 Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit gehabt zu haben.
Bis zur Klärung hatte er um die Beurlaubung von seinen Sendungen "Sprechfunk" auf FRITZ und "Null Uhr Kuttner" im Fernsehen Brandenburg gebeten.
Wie die Gauck-Behörde dem Sender mitteilte, gibt es kein belastendes Material über Jürgen Kuttner.
Nach dem Negativ-Bescheid der Gauck-Behörde und einem Gespräch mit der ORB-Prüfungskommission teilte der Sender mit, daß keine Notwendigkeit mehr bestehe, Kuttners Tätigkeit zu beschränken.
Zu hören ist Kuttner bereits in der nächsten Woche: Am Dienstag von 22 Uhr bis 1 Uhr.
Zudem wird sich Kuttner ab 22.März im Frühprogramm "Radio-Fritzen" zwischen 6 Uhr und 10 Uhr mit der "Kuttner-Kolumne" melden.


Betr.: Kuttner

Viertelwegs ist Zeitungslesen am schönsten beim Radiohören. Besonders Fritz, wie uns die Anzeigenabteilung dieser Zeitung ständig nahelegen will. Besonders Kuttner, wie alle wissen, die noch "einen Kopf zwischen den Ohren haben" (Jörn Zühlke). Zwei mal die Woche hat Dr. Jürgen seine Sprechstunde, dienstags um 22.00 Uhr auf Fritz und freitags, "Null Uhr Kuttner" auf dem ORB. Und immer wieder ist es "eine prima Sendung" (Trevor Wilson).
Weswegen wir nach Potsdam fuhren und vielerlei erfuhren. So, daß der große Kuttner etwa 1.65 ist. Daß er so quasseln kann, wie kaum ein anderer (Hempler-like), nur 'nen Tick schneller, denn (drittens) Kuttner hat nie Zeit und immer eine halbwegs plausible Entschuldigung. Das Interview rasselte er in neun Minuten herunter - und doch mußten wir kürzen.

So zum Beispiel eben angesprochene Entschuldigungen (Hey Johnny, wie war Tricky!?).

Kuttner, der zu gern Lenin oder Ulbricht zitiert, erhielt von der Unbunten ein Dzierszynski-Bild überreicht (Danke, Batschi!). Er war voll des Glücks über das Bild des ehemaligen Namenspatrons unserer "ehemals" roten, heute gelben Schule.

Eine Möglichkeit für Euch, Kuttner live zu sehen, bieten die Lesungen seines neuen Buches. Wann und wo, wird immer wieder mal im Programm von Fritz "getrailert".

Von NICO LAUBISCH und ERNST HAFT


Auf der Jagd nach dem Zusammenhang
OSTBERLINERISCH ALS UNTERRICHTSSPRACHE - Skizzen zu einem Porträt des Vortragsschnipsel-Künstlers Dr. Jürgen Kuttner
Mit dem Sender Fritz wurde er populär; im Hessischen Rundfunk findet er zur Zeit jeden Mittwoch im Talk XXXL für 120 Minuten neue Zuhörer. Zu den Höhepunkten seiner Kunst aber zählen immer noch die Videoschnipsel-Vorträge in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Dr. Jürgen Kuttners Vorträge sind intensivste Fernseherziehung, die allerdings nicht im Fernsehen stattfindet, sondern im Theater. Warum nicht im Fernsehen? Da müssen wir den Blick selber werfen, wie er sagen würde.

»Voll bis krachend voll« sind seine Veranstaltungen in der Volksbühne in der Regel. Die Bühnenausstattung ist stets karg - vorn die große Leinwand, Andreas mit Bier und Technik am Tischchen, daneben der beleuchtete Erheller, neugierig und nervös selber, - wie wird es heute? Dr. Jürgen Kuttner benutzt das Wort »erhellend« oft und gern.

Das Thema im Januar war zum Beispiel: Schlager und democracy. Es gab Schnipsel vom Baden-Badener Schlagerfestival mit bundesweiter Telefon-Abstimmung aus dem Jahr 1966 sowie Ausschnitte aus Basar, einer Sendung des DDR-Fernsehens, jugendfrisch, Mode, moderne Musik, Hully-Gulli, auch 1966. Demokratisierungsübungen seien das gewesen »mit dem Knüppel über den Köpfen«, der Bevölkerung gegenüber voller Misstrauen, so sagt Kuttner, eher verlogene Versuche, Jugendkultur zu steuern.

Eines von Kuttners Lieblingsworten ist auch »medientechnisch«, sicher meint er die üblichen Instrumente der Bewusstseins-Treibjagden der Medien, deren Geblinke, Gerassel und Getute er ja gerade der Lächerlichkeit preisgibt, nicht ohne seinerseits »medientechnische« Instrumente einzusetzen. Zum Beispiel die Publikums-Terrorisierung mit einer Schlager-Refrain-Schleife: »Jajajaa, jajajaa, jajajaa, neinneinnein«. Die unendliche Wiederholung ist kaum zu ertragen, das immer gleiche Plärren, das Schulterzucken, das neckische Brauenhochziehen von vier steif frisierten Schlagerpuppen. Wenn das doch nur aufhören wollte! Soll man schreien? Erwartet er Widerstand wie Schleef oder Schlingensief? Das durch ungerichtete Reize noch abgelenkte Publikum wird mit einer schmerzhaften Überreizung für den kommenden Erkenntnisprozess vorbereitet. Mit kräftigen Stromstößen einer Augen- und Ohrenfolter werden erschlaffte, verwurstelte Sensoren aufgerichtet, ausgerichtet, eingerichtet. Jajaja.

Das sture, dumme, tötende »jajaja, neinneinnein« im Vorspann führe penetrant auf das nervende Getue um Parteinahme, Mitbestimmung und Wahlfreiheit, verweise auf dieses tägliche, auf allen Kanälen ausgerufene:»Wählen Sie jetzt!«, das »letztendlich« oft ins Leere läuft. »Wählen Sie!« Wie viel Punkte geben sie welcher Dummheit?

Um der in den Tod führenden aktuellen Forderung nach einem - »Auge um Auge, Zahn um Zahn«- entgegentreten zu können, um die notwendige Distanz gegenüber dem »Jajaja, Neinneinnein« herzustellen, erfindet Kuttner das Wort »stalingraduell«. Der Ansager und Fersehzeichner, der schon in der Nazizeit Journalist war und nun 1966 in Baden-Baden wie nebenbei plaudert: »lieber nicht mit links zeichnen, kann noch mal anders kommen«, der sei wenigstens »stalingraduell«. Der ausgeschnittene DDR-Schnipsel mit dem Moderator Ingo Graf zeige schmerzhaft, wie die schüchterne aber noch lebendige, unordentliche Sendung Basar zum toten bürokratischen Mist, zu einer falschen Ordnung hinunter moderiert wurde. Lieber » stalingraduell« als so ein Ingo Graf? Wir sehen, wie die 17-jährige Bettina Wegener schön, aber hinter einem dekorativen Gitter singt und sich mit verweigertem Lächeln vor einer falschen Vereinnahmung durch Ingo Graf zu schützen sucht. Die Sendung Basar, eingerichtet mit der Hoffnung auf eine neue Ordnung, sei so zur verlogenen Unordnung verkommen. So eine Wertung heißt Brecht weiterdenken und ordentlich Unterricht am Material machen.

Wie schon in seiner Videovortragsreihe mit den Schnipseln zu den Jakob-Sisters (Rollende Road Schau 2001) erklärt Kuttner ein großes Erschrecken: Schädliches und Schändliches, das er einst für alle Zeit als überwunden hinter sich zu lassen glaubte, habe ihn mit katastrophaler Gegenwärtigkeit eingeholt. Die Jakob-Sisters besetzen mittlerweile flächendeckend, da viel breiter geworden, Sendeplätze im MDR, genauso der älter, aber nicht lebendiger gewordene Ingo Graf.

Kuttner reißt alles an Worten herauf und herbei, was in der Nähe liegt. In der Nähe liegt auch unbedingt das Ostberlinerische, diese Art zu denken. Er nimmt noch die Sprache seines Körpers und seiner Hände dazu, fängt die Begriffe förmlich mit den Händen ein, wenn sie vorüberhuschen. Er steht 20 Minuten vor einer leeren Leinwand, damit man in den mit Spannung erwarteten Sekunden, in denen der Ausschnitt endlich gezeigt wird, erhellt werde und sehen kann, was er sah: Die ästhetische Katastrophe, der Bewegung und Mimik gewordene Selbstbetrug, die peinliche Lüge, die Beschränkung des Bewusstseins. Ungewöhnlich freie, durch aktuelle Situationen, historische Gleichnisse und kulturgeschichtliche Räume hindurch rasende Assoziationen kennzeichnen die Arbeitsweise des Schnipsel-Künstlers. Er wird als guter Lehrer von seinem Publikum akzeptiert, das beweist die geistige Anspannung, die er über Stunden bei seinen Zuhörern herstellt.

Wir sehen, was wir ohne seine wortreichen Eskapaden, ohne seine aufreizenden und wilden Jagden nach möglichen und unmöglichen Zusammenhängen nicht sehen würden.

Um seine Methode zu erklären, könnte man an ein Fuchsjagd-Gleichnis denken. Ein schlaues, rötlich schimmerndes Erkenntnismoment taucht sekundenlang in den Bildfolgen alter Fernsehaufzeichnungen vor seinem geistigen Auge auf, und er, Kuttner, muss es am Schwanz zu packen kriegen.

Wie er das in vielen Annäherungen und Anläufen versucht, eines Treffers nicht sicher, das machen die reichlich purzelnden Füllwörter deutlich: »gewissermaßen, quasi, letztendlich«. Eventuelle Bewegungen seines Publikums versucht er reaktionsschnell zu parieren. Möglichst keine direkte Wiederholung, kein endgültiges Manuskript! Der Bewusstseinsstrom, in dem er heute rudert, ist ein anderer als gestern, er hat neu und an anderen Stellen den roten Fuchs vorbeihuschen sehen. Die öffentliche Jagd nach Erkenntnismomenten in den Videovorträgen ist vorbereitet durch die Auswahl der Schnipsel, aber ihr Erfolg ist nicht gänzlich vorauszusehen.

Kuttner hat eine Scheu vor dem definitiv festgeschriebenen Wort. Das der Wahrheit mit hängender Zunge nachhastende Mündliche ist ihm lieber. Haken schlagen, nicht falsch festgelegt werden können.

Vor der Vorstellung sitzt er gerne neben der Bar im Foyer. Er will sehen und hören, wenn er kurz seine Zettel überfliegt, er guckt sich um. Von seinen jugendlichen Fritz-Fans sind viele da. Er sieht auch Ältere, mehr so »die Leute«. Ich spreche mit einer größeren Runde, ja, sie kommen wegen ihm, sie kommen öfter, und sie werden immer mehr. Überhaupt Volksbühne, ja sie kennen sich von der Arbeit, von der Post. Sieht fast aus wie »Brigade-Abend, gemeinsamer Theaterbesuch«. Sie lachen. Ich liefere ihm meine Nachrichten ab. Er freut sich.

Von der Bühne herunter macht Kuttner unverkleidet und unverstellt seinen Unterricht. Dazu kommt eine besondere Selbstironisierung, die er als » ost-typisch« bezeichnet. Beifall in einer Ecke des Saales: »Ach, dieses Minderheitenklatschen, das waren fünf Prozent«, allgemeiner Beifall: »Nicht so ein Mitleids-Scheiß, fünf Prozent ist in Ordnung.« Seit einigen Jahren habe man ja immer so was wie Nachkriegszeit oder Vorkriegszeit, und in diesen Zeiten kämen eben viele zu ihm, »so die orientierungslose Masse, die suche in der Volksbühne ihre Selbstvergewisserung.«

Kuttner arbeitet an der Bewusstseinsmasse, die ihm nicht groß und nicht unterschiedlich genug sein kann, schiebt viele Schichten zugleich voran. Wie schön er den im Fernsehen abgeschafften Abspann verteidigt, er wolle uns alle zu Abspann-Gourmets erziehen. Gerne fügt er kleine kunstgeschichtliche Informationen ein: Suprematismus, Malewitsch, barockisierenden Scheiß, Bildung eben.

Das Ende seines Vortrags gestaltet Kuttner für das Publikum in einer Form, die schon Routine ist, ausgehend immer vom gleichen Schnipsel: Josef Beuys, der auf einer Wahlveranstaltung der Grünen singt. Der Vortragskünstler will dann doch »in ein Vertrautes, in ein Wiedererkanntes« zurückkommen. Breite Lachsalven erlösen dann in der Regel all diejenigen, die es mehrere Unterrichtsstunden lang ohne Rauchen und Pinkeln bei Kuttner ausgehalten haben. Da ist der einfache Rhythmus des Gutmenschen-Liedes, zu dem Josef Beuys eingeordnet und überfordert singt »Ob West, ob Ost, auf Raketen gehört Rost«. Etwas komisch Triumphales wird dadurch in den Raum getragen, so dass sich die notwendige Schluss-Euphorie einstellt.

Der Mann vorne ist zufrieden mit dem Beifall. »Danke Kuttner!« rufen einige der Unterrichteten und Erhellten, oder vielleicht auch nur Selbstvergewisserten beim Verlassen des Saales ihm zu. »Danke Kuttner!«


Kult-Auto Trabi - Goethe-Institut Washington - Deutschstunde
Sendung '77' vom 4. Januar 1998
 
 
Was Sie hier sehen, ist die Geburt einer Legende: Vor vierzig Jahren wurde in Zwickau der erste Trabi gebaut - der geniale Beitrag der DDR zur Revolution im Autobau. Doch dann fiel am 9. November 89 plötzlich die Mauer, die Trabis durften in den Westen fahren - und auf einmal wollte sie keiner mehr haben. Jetzt steht der Trabi traurig im Museum - eine vom Aussterben bedrohte Gattung.

Aber es gibt sie noch, die echten Trabi-Fans, die wahren Autokenner. 

O-Ton Robert Matern, Trabi-Fan:
"Es ist einfach eine wunderbare Sache, Trabi zu fahren. Langsam fahren, das ist für mich das beste, was es überhaupt gibt."
 
Wer Trabi fährt, hat Taktgefühl und gute Manieren.
O-Ton Robert Matern, Trabi-Fan:
"Mit einem Trabi fällt man heutzutage auf."
 
Der Trabi ist ziemlich exklusiv - eigentlich ist er gar kein Auto, sondern ein Kunstwerk. Avantgarde für Arbeiter und Bauern.
O-Ton Miss Trabi:
"Der Trabi ist auf jeden Fall ein Kult-Auto, schon den zu fahren - das ist so ein Wahnsinn. Die Leute, die ihn fahren, das ist so ein Zusammenhalt wie eine große Familie."
 
Der Trabi, das ideale Fahrzeug für Familien, Wahnsinnige und Farbenblinde - oder ist es in Wirklichkeit das größte Spielzeugauto der Welt?
O-Ton Dr. Jürgen Kuttner, Kulturwissenschaftler:
"Wenn man einen Fahrer und sein Auto sieht, einen Trabi-Fahrer neben seinem Trabi, dann findet man, Trabi ist Trabi, aber der Fahrer bleibt der Mensch und dem würde man sich zuwenden. Wenn man jetzt aber einen Mercedes-Fahrer neben seinem Mercedes sieht, dann okkupiert natürlich der Mercedes alle Aufmerksamkeit. Von daher ist, glaube ich, Mercedes eher menschenfeindlich - und der Trabi ist ein Menschenfreund. Er bleibt so der mops, der so um die Beine des Fahrers rumwedelt."
O-Ton Dr. Jürgen Kuttner, Kulturwissenschaftler:
"Wie sich so etwas mit einem einzigen Design über dreißig, vierzig Jahre retten kann - das finde ich irgendwie großartig."
O-Ton Robert Matern, Trabi-Fan:
"Heutzutage ist es schon ein Kult-Auto geworden - aber für mich ist es eben kein Kult, sondern es ist einfach Feeling."
 
Der Trabi, das Auto, das über den Dingen steht.

Gelegentlich werden in der freien Wildbahn noch letzte Exemplare dieser seltsamen Gattung entdeckt - das merkwürdigste Auto der Welt.

O-Ton Dr. Jürgen Kuttner, Kulturwissenschaftler:
"Es ist sowieso erstaunlich, daß sie den nicht so als Bastelset ausgeliefert haben den Trabi - in einem Koffer, dann packst du den aus, ein bißchen Masse im Backofen erwärmen, dann hast du die Karosserie zusammen und dann schraubst du noch fünf Eiseneile zusammen und dann fährt das Ding, das wäre doch klasse. Insofern steht dem Trabi vielleicht noch eine großartige Renaissance bevor."
 
Der Trabi - Rennplastik mit unbegrenztem Haltbarkeitsdatum.

"Ich will Zusammenbruch und Chaos"
Vor zehn Jahren wurde "Radio Fritz" gegründet. Der Dauertalker des Kultsenders, Jürgen Kuttner, blickt zurück auf frühe Kämpfe, die Poesie des Alltags und die geniale Idee mit der Wollmütze. Zugleich kritisiert er seinen Sender scharf: "Der ORB benimmt sich wie der mieseste kapitalistische Laden"
 
taz: Warum ist Fritz besser als andere Berliner Radiosender?

Jürgen Kuttner: Weil ich da beschäftigt bin. Während private Sender vor allem ein Umfeld für Werbung schaffen, gibt es bei den Öffentlich-Rechtlichen zum Teil noch die Erinnerung an so eine Art Programmauftrag, der dann, mehr oder weniger, auch manchmal erfüllt wird. Fritz hat daher den Anspruch, den Leuten nicht nur die Ohren zu zu senden, sondern auch andere Inhalte, andere Lebensgefühle und andere Widersprüchlichkeiten zu transportieren.

Hören Sie eigentlich Fritz?

Das ist vielleicht eine Krankheit der Leute, die im Radio arbeiten, dass man sich das nicht mehr anhören kann. Wenn ich etwas höre, dann Inforadio oder Deutschlandradio. Da bin ich eher informationsorientiert. Die Musik, die ich höre, habe ich sowieso zu Hause.

Was für Musik interessiert Sie denn?

Für meine Sendung interessiert mich vor allem bedrohte Musik. Damit meine ich eigentümliche, seltsame und nicht mehrheitsfähige Musik. Die aktuelle Musik interessiert mich im Moment überhaupt nicht. Es gibt ja eine Explosion in der Vervielfältigung guter Musik. Wenn man kein Sammler ist oder sich den ganzen Tag darum kümmert, kann man da gar nicht mehr mithalten.

Was war Ihrer Meinung nach die lustigste Fritz-Aktion?

Fritz war immer stark, wenn sie über die Dörfer zogen.

In welchem Moment haben Sie sich am meisten über Fritz geärgert?

Ich ärgere mich immer dann, wenn so eine Art Erfolgstrunkenheit einsetzt. Man hat was gemacht, was Erfolg hatte, und will dies dann verlängern. Mein Interesse an der Arbeit geht eher dahin, zu experimentieren, Sachen auszuprobieren.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Fritz verkomme immer mehr zum Mainstream?

Früher war es anders, aber nicht unbedingt besser. Ein bisschen stimmt aber der Vorwurf. Fritz startete aus einer bestimmten Nischen- und Konfliktsituation, dem Ost-West-Konflikt, der im Programm mit einer gewissen Unbedachtheit ausgehandelt wurde. Inzwischen haben sich die vielen Radiostationen einander angenähert. Hat man irgendwann mehr als 100.000 Hörer, achtet man halt vor allem auf die Mehrheit. Mich interessieren aber vor allem die Nischen.

Haben Sie eine Idee, warum die Fritz-Wollmütze so bekannt geworden ist?

Weil es alles andere als eine klassische Marketingidee war, sondern einfach ein genialer Einfall eines hoch begnadeten und witzigen Kollegen: Uwe Wassermann. Er hatte einen großartigen Sinn für seltsam schrägen Humor, und von ihm kam die Idee vom Sender mit der Wollmütze. Lustigerweise wurde ihm dies zuerst verboten. Es galt als uncool, bis sich irgendwann herausstellte, dass es funktioniert. Danach hat man klassich marketingmäßig auf die Wollmütze gesetzt. Das ist auch das, was mich an Fritz interessiert, dass sich seltsame Leute mit seltsamen Ideen durchsetzen können.

Fritz entstand aus einer Zusammenführung von Rockradio B aus dem Osten und Radio 4U aus dem Westen. Wie funktionierte die Wiedervereinigung am Beispiel dieses Radiosenders?

Wie die Wiedervereinigung überall so funktionierte. Man hat sich in die Fresse gehauen und irgendwie doch zusammengearbeitet. Merkwürdigerweise entstand dabei ein interessantes Spannungsfeld, und in den guten Momenten hat sich dies auch im Programm widergespiegelt. Fritz gelang es, Realität darzustellen: das eigentümliche Kennenlernen, das Verliebtsein ineinander, dass Einander-Hassen, die Vorurteile - das alles fand im Radio statt. Das war zu dieser Zeit in der Berliner Radiolandschaft einzigartig.

Medien haben auch eine Integrations- und Sozialisierungsfunktion. Was war in diesem Sinne die spezielle Fritzleistung?

Fritz war der erste deutlich kommunikationsorientierte Radiosender, der versuchte, die Hörer wirklich in das Programm einzubinden. Fritz gelang es, den Ost-West-Konflikt der 90er-Jahre abzubilden und zu gestalten. Der Sender konnte so in einer eigentümlichen Umbruchszeit zu einem Ort der Identifikation werden.

Sie reden in Ihrer Sendung Sprechfunk stundenlang über die Probleme des Alltags. Was ist für Sie die Poesie des Alltags - und warum haben Sie sich diese thematische Ausrichtung ausgesucht?

Ich wollte Gesprächsformen vermeiden, in denen die Muster und Strukturen schon zu klar sind. In Gesprächen über Politik beispielsweise werden vor allem angelesene Sachen weitergegeben. Das fand ich langweilig. Mich interessiert die Idee, Alltag und das Fürsichselbstsein als etwas Fremdes zu begreifen. Unsere kleinen Kriege und Konflikte im Alltag, da müssen wir uns jeden Tag beweisen. Dafür wollte ich Bewusstsein schaffen. Damit versuchte ich, einen entlasteten, entideologisierten und distanzierten Blick zu sich selbst herstellen. Das war die Utopie, aber das erreicht man vielleicht in zwei, drei Sendungen im Jahr.

Sie sagten einmal, Sie hätten es bei Ihren Hörern die erste Dreiviertelstunde mit debilen Idioten zu tun. Könnten Sie das vielleicht etwas näher erläutern?

Na ja, dass stimmt so natürlich auch nicht. Was ich damit sagen wollte, ist, dass Kommunikation in den Medien in den letzten Jahren an Niveau verloren hat. Es gibt halt viele Selbstdarstellungsjunkies, die sich einfach gern im Radio hören wollen und selber nur Scheiße labern. Da gibt es bei mir natürlich auch manchmal Momente von Wut und Verzweiflung.

Eine Dienstanweisung des ORB besagt, dass freie Mitarbeiter nicht länger als 10 Jahre bei Fritz arbeiten dürfen. Fritz-Moderatoren wie Mike Lehmann droht nun die Entlassung. Wie beurteilen Sie diese Hauspolitik?

Ich halte das für einen widerlichen Widerspruch. Auf der einen Seite arbeitet man in einer Institution, die fast noch eine DDR-Utopie ist. Man hat es mit komplett fest angestellten Leuten zu tun, die Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, 13. Monatsgehalt und jedes Jahr eine Gehaltserhöhung bekommen. Es ist nach innen fast ein sozialistischer Betrieb, der aber nach außen alle Eindringlinge aggressiv abwehrt. So kommt es zu solchen Regelungen. Ich finde es skandalös und schäme mich dafür, dass die Kollegen, die den Sender aufgebaut haben, die ihm ein Gesicht gegeben haben, jetzt aus Angst vor einer Festanstellung gnadenlos rausgeschmissen werden. Es ist Abscheu erregend: Der ORB benimmt sich wie der mieseste kapitalistische Laden.

Fritz zielt immer mehr auf ein jüngeres Publikum. Wie finden Sie diese Entwicklung?

Das ist eine Entscheidung des Senders. Ich weiß nicht, ob das nun richtig oder falsch ist. Mir ist wichtig, dass meine Sendung gut funktioniert und es mir Spaß macht.

Was wünschen Sie dem Radio Fritz zum 10. Geburtstag?

Eine Revolution, Zusammenbruch oder Chaos. Es ist das Problem von Institutionen, dass sie irgendwann an Selbstregulierung ersticken. Motto: "Das haben wir schon immer so gemacht." Auch die eigentlich zu begrüßende Professionalisierung kann, wenn sie nur noch zu Mittelmaß führt, problematisch sein. Ich wünsche mir deshalb eine Explosion, und dass man alles noch einmal neu zusammensetzen muss.

Interview STEFAN WELLGRAF


Fernsehen jetzt! ... Kulturberatung aus Deutschland
Jürgen Kuttner redet wie ein Berliner, und irgendwie über Geld und die Schweiz. Nach den ersten Angstsekunden vor dem fremden Publikum. Er macht alles transparent, was in seinen Fernsehschnipseln zu sehen ist, und mehr, und wir lungern halbgemütlich herum, in verstreuten Sitzgelegenheiten, und lassen uns zureden. Das Originelle besteht, grob gesagt, darin, dass er, anders als die Medienkunstzunft, nicht nur erklärt, was er macht, und wie, sondern auch und vor allem was andere gemacht haben, und warum oder woher. Beschreibung und Film passen deshalb ungewohnt gut zusammen, und alles ist ganz ausgesprochen, unter direkter Wahrung des gegenseitigen Fremdseins, authentisch, der Kuttner.
Vor allem die Ausschnitte selber beeindrucken und zeigen ein bedrückendes Bild Deutschlands. Zwar ist nicht jeder moralische Stinkefinger unbestreitbar, doch die anderen sind schaurig genug. Was aus südlicher Perspektive den Anschein inneren Widerstands trägt, so wird zumindest insuniiert, war das Alltäglichste vom Fernsehen, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Und um äussere Form und Inhalt in Einklang zu bringen, ist Kuttner der genuinste aller Oberlehrer selber. Dahinter steckt weniger Ironie als die kluge Zuschauerin vielleicht meint, sondern ein klassisches wie zeitgenössisch outriertes, aufklärerisches Selbstverständnis. An diesem Mann ist ein Theaterkritier verloren gegangen! Denn frei nach Kuttner, man schaut ja im Theater nicht so richtig hin, sondern lässt die Bilder an sich vorbei :-).
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